On top of Europe – Year 5 – Mulhacen
On Top Of Europe – Year 5 – Mulhacén (Spanien) – 3479 m – Heute ist endlich der Tag gekommen: Der höchste Gipfel Spaniens wartet auf uns. Dieses Mal stehe ich allerdings nicht allein am Start. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg in die Sierra Nevada, die wir mit dem Bus erreicht haben. Die Nacht verbringen wir im kleinen Bergdorf Capileira – dem Ausgangspunkt für ein Abenteuer, das uns noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Geplant ist eine lange Durchquerung: Von Capileira über den Mulhacén bis nach Pradollano. Rund 32 Kilometer und etwa 2.000 Höhenmeter liegen vor uns – vorausgesetzt, alles läuft nach Plan.
Zusammen mit meiner Cousine, mit der ich bereits im Juni die Schneekoppe und den Rysy in Polen bestiegen habe, brechen wir gegen zwei Uhr morgens auf. Der frühe Start hat einen einfachen Grund: Wir wollen der sengenden Hitze des Tages möglichst entgehen und die angenehm kühlen Nachtstunden nutzen.
Von Capileira führen mehrere Wege hinauf in die Berge. Sie unterscheiden sich nur leicht voneinander und verlaufen zunächst über breite Wald- und Wanderwege, bevor langsam die eigentliche Höhe gewonnen wird. Mit unseren Stirnlampen bewegen wir uns durch die warme, ruhige Nacht. Alles fühlt sich friedlich an.
Nur eine Sache beschäftigt mich immer wieder: die großen Schäferhunde, die in vielen Gebirgsregionen zum Schutz der Herden eingesetzt werden. Ich bin ihnen auf früheren Touren bereits mehrfach begegnet. Manche Begegnungen verliefen völlig problemlos, andere dagegen waren alles andere als angenehm. Besonders nachts, wenn die Hunde im Wachmodus sind, sollte man ihren Schutzinstinkt nicht unterschätzen.
Und tatsächlich kommt es auch diesmal wieder zu einer Begegnung. Fünf oder sechs Hunde stehen hinter einem Zaun, dort, wo die Schafe übernachten. Sie bellen nicht. Sie beobachten nur. Genau das macht die Situation fast noch beeindruckender. Schon aus einiger Entfernung sehe ich mit meiner Stirnlampe das Licht, das sich in ihren Augen spiegelt. Für mich ist sofort klar: Lieber einen kleinen Umweg als ein unnötiger Konflikt. Also verlassen wir den direkten Pfad für einige Minuten und umgehen den Bereich in sicherem Abstand.
Diese spontane Entscheidung bringt sogar einen unerwarteten Vorteil mit sich. Wir entdecken einen anderen Weg, der lange Zeit an einer Wasserquelle entlangführt. Gerade auf dieser Tour ist das Gold wert. Wer genügend Wasser braucht, findet bis zum Refugio Poqueira immer wieder Möglichkeiten, seine Vorräte aufzufüllen.
Während der ganzen Nacht begegnen wir keinem einzigen anderen Bergsteiger. Es ist erstaunlich still. Kein Stimmengewirr, keine Taschenlampen in der Ferne – nur wir, die Berge und der helle Mond. Sein Licht ist so intensiv, dass wir unsere Stirnlampen zeitweise kaum benötigen. Die Landschaft liegt in einem silbernen Schimmer vor uns und fast alles ist auch ohne künstliches Licht gut zu erkennen. Solche Momente machen deutlich, wie besonders eine nächtliche Bergtour sein kann.
Technisch stellt diese Route keine großen Anforderungen. Die Wege sind gut begehbar und verlangen keine schwierigen Kletterpassagen. Die eigentliche Herausforderung liegt woanders: in der enormen Länge der Strecke und in der Hitze, die später am Tag jede zusätzliche Höhenmeter spürbar schwerer macht.
Unser erstes großes Ziel ist das Refugio Poqueira. Von dort wollten wir ursprünglich direkt über die Hoya de la Iglesia zum Mulhacén II aufsteigen. Schon von Weitem sieht dieser Abschnitt gar nicht so anspruchsvoll aus. Doch der letzte Anstieg ist deutlich steiler, als es zunächst scheint.
Nach einer kurzen Pause treffen wir unsere erste wichtige Entscheidung des Tages. Statt direkt aufzusteigen, wählen wir den Weg über den Alto del Chorrillo. Dorthin kann man sogar mit einem Shuttlebus von Capileira gelangen und sich viele Höhenmeter sparen. Von dort beginnt die klassische Normalroute auf den Mulhacén. Bis zum Gipfel sind es von dort noch ungefähr vier Kilometer.
Meter für Meter arbeiten wir uns weiter nach oben. Wir legen bewusst viele Pausen ein. Mir ist wichtig, dass meine Cousine ihren eigenen Rhythmus findet und sich nicht unter Druck gesetzt fühlt. Genau deshalb haben wir auch die Route geändert. Dieser Weg ist etwas gleichmäßiger und leichter zu gehen.
Mit zunehmender Höhe werden die Kräfte dennoch weniger. Irgendwann merke ich, dass ihr Rucksack zu einer echten Belastung geworden ist. Ohne lange zu überlegen nehme ich ihn zusätzlich zu meinem eigenen auf. Ihren trage ich vor der Brust, meinen wie gewohnt auf dem Rücken. So gehen wir gemeinsam weiter Richtung Mulhacén II.
Dort angekommen glaubt meine Cousine zunächst, dass für sie Schluss ist. Der eigentliche Gipfel ist zwar zum Greifen nah, doch nach den vielen Kilometern erscheint selbst die kurze Reststrecke wie ein unüberwindbares Hindernis. Sie möchte lieber auf mich warten und anschließend gemeinsam wieder absteigen.
Ich hätte den Gipfel in wenigen Minuten allein erreichen können. Doch darum geht es heute nicht. Ich möchte keinen Druck ausüben. Manchmal braucht ein Mensch einfach einen Moment, um neue Kraft zu sammeln. Nach einer kleinen Pause schaut sie noch einmal zum Gipfel hinauf – und entscheidet sich selbst, weiterzugehen.
Gegen 17 Uhr stehen wir schließlich gemeinsam auf dem höchsten Punkt Spaniens. Nach vielen Stunden auf den Beinen genießen wir den Augenblick in vollen Zügen. Der Ausblick reicht scheinbar endlos über die Sierra Nevada bis weit in die Ferne. Es entstehen einige Erinnerungsfotos, doch viel wichtiger ist das Gefühl, diesen Moment gemeinsam erlebt zu haben.
Ich bin unglaublich stolz auf meine Cousine. Für sie sind solche Touren noch Neuland. Trotzdem hat sie sich nicht aufgegeben, immer weiter gekämpft und schließlich den höchsten Berg Spaniens aus eigener Kraft erreicht. Genau solche Erlebnisse zeigen, dass Berge nicht nur mit den Beinen, sondern vor allem mit dem Kopf bestiegen werden.
Etwa 19 Kilometer liegen nun bereits hinter uns. Doch noch warten ungefähr 13 weitere Kilometer bis zum geplanten Ziel auf uns.
Schon bald wird deutlich, dass die Kräfte meiner Cousine nahezu aufgebraucht sind. Sie ist völlig erschöpft. Ich beginne ernsthaft zu zweifeln, ob wir die Tour wie geplant beenden können.
Vom Mulhacén steigen wir über den deutlich steileren Weg in Richtung Laguna de la Caldera ab. Der kleine Bergsee liegt eingebettet zwischen den kargen Hängen der Sierra Nevada und wirkt fast surreal. Wer diesen Weg bergauf wählt, sollte eine gute Kondition mitbringen – dafür ist die Strecke allerdings kürzer.
In der Nähe des Sees befindet sich auf etwa 3.000 Metern Höhe eine kleine Schutzhütte. Dort treffen wir auf einige andere Wanderer und Bergsteiger. Ich komme mit ihnen ins Gespräch und frage vorsichtig nach, ob wir dort ungeplant die Nacht verbringen dürfen. Mir ist inzwischen klar geworden, dass meine Cousine heute nicht mehr sicher weitergehen kann.
So ändern sich unsere Pläne ein weiteres Mal.
In der Hütte liegen einige Isomatten und Luftmatratzen bereit. Schlafsäcke oder Kissen haben wir allerdings nicht dabei. Trotzdem sind wir froh, überhaupt einen geschützten Platz gefunden zu haben.
Dass die Hütte gut gefüllt ist und die Nacht ungewöhnlich mild bleibt, spielt uns in die Karten. Niemand friert, und trotz der einfachen Bedingungen schlafen wir erstaunlich gut.
Manchmal zeigt einem der Berg, dass nicht alles nach Plan verlaufen muss. Flexibilität, gegenseitige Unterstützung und die Bereitschaft, Entscheidungen den Gegebenheiten anzupassen, gehören genauso zum Bergsteigen wie Gipfel und Panorama.
Jetzt bleibt nur noch die Frage, was der nächste Morgen für uns bereithalten wird…
Hier findet man weitere Touren dieser Serie.
Genaue Beschreibung der Route auf Komoot.
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